Unter dem Leitgedanken der kontinuierlichen Weiterentwicklung des Tierwohls und der Vermarktungsstrategien hat in dieser Woche am Stammsitz der Firma Tönnies als Unternehmen der Premium Food Group eine zentrale Fortbildungsveranstaltung für die Landwirte des Markenfleischprogramms „FairFarm NRW“ stattgefunden. Gemeinsam mit dem Fleischhof RASTING informierte Tönnies über aktuelle Branchenentwicklungen, die Ausweitung der Tierwohl-Programme und Maßnahmen zur Steigerung der Tiergesundheit.
Dr. Detert Brinkmann (Fleischhof Rasting GmbH) gab den Landwirten Einblicke in die Vermarktung von Fleisch- & Wurstwaren in der Haltungsform-Stufe 3 (HF3) bei der EDEKA Rhein-Ruhr. Er betonte dabei die strategische Bedeutung der langfristigen Zusammenarbeit: „Wir wollen HF3 partnerschaftlich mit der Landwirtschaft und Fleischunternehmen ausbauen und organisch mit der Vermarktung im Lebensmitteleinzelhandel wachsen.“ Laut Brinkmann spielt die Vertragspartnerschaft auf Augenhöhe eine wichtige Rolle für den Markterfolg. „Regionale Wertschöpfung ist ein Thema, das wieder mehr Beachtung findet.“ Er sieht in der Umstellung auf das neue Haltungsform-3-Programm der Initiative Tierwohl eine langfristige Chance für die Vertragsbetriebe.
Auf ebenso großes Interesse stieß der Vortrag von Robert Römer, Geschäftsführer der Initiative Tierwohl (ITW). Er stellte die neuen Programme für die Haltungsform-Stufen 3 („Frischluftstall“) und 4 („Auslauf“) vor, für die sich Landwirte bereits seit März 2026 anmelden können. Römer erläuterte, dass die Zeit für diesen Schritt reif sei, da die Anforderungen durch neue Richtlinien komplexer werden und die ITW hier passgenaue Lösungen bietet. Die neuen Programme sind systematisch aufgebaut:
- Sie basieren auf den bekannten Anforderungen der Stufe 2 („Stall plus Platz“), wie etwa Monitoringprogrammen und Weiterbildungen.
- Das Programm „Frischluftstall“ (Stufe 3) ergänzt diese um spezifische Kriterien wie Außenklimareize.
- Das Programm „Auslauf“ (Stufe 4) fordert zusätzlich ein erweitertes Platzangebot und ständigen Zugang zum Freigelände.
„Durch diese Kriteriensystematik bauen die ITW-Programme aufeinander auf“, erklärte Römer. Dies bietet Tierhaltern den Vorteil, flexibler zwischen den Stufen wechseln zu können, während Vermarkter die Ware bei Bedarf auch in niedrigeren Stufen ohne Mengenbegrenzung absetzen können.
Dr. Jörg Altemeier, Leiter der Stabsstelle Tierschutz und Tiergesundheit der Premium Food Group, beleuchtete in seinem Vortrag die aktuellen Herausforderungen rund um die Afrikanische Schweinepest (ASP) sowie die daraus resultierenden Anforderungen an Biosicherheit und Vermarktung. Dabei machte er deutlich, dass ASP-Ausbrüche – insbesondere in Hausschweinebeständen – erhebliche wirtschaftliche Folgen entlang der gesamten Wertschöpfungskette haben können.
Im Mittelpunkt seines Vortrags standen die umfangreichen Maßnahmen zur Prävention und Eindämmung der Tierseuche. Altemeier erläuterte, dass Biosicherheit heute eine zentrale Voraussetzung für eine stabile Schweinehaltung sei. Dazu zählen unter anderem eine konsequente Zutrittskontrolle, Hygieneschleusen, getrennte Schwarz-Weiß-Bereiche, sichere Futterlagerung sowie strenge Reinigungs- und Desinfektionsmaßnahmen bei Fahrzeugen und Betriebsmitteln.
Darüber hinaus informierte er über die aktuellen ASP-Restriktionsgebiete in Nordrhein-Westfalen sowie über laufende Monitoring- und Vorsorgemaßnahmen. Besonders hervor hob Altemeier die enge Zusammenarbeit zwischen Landwirtschaft, Fleischwirtschaft und Behörden, um auch im Seuchenfall die Vermarktungsfähigkeit von Tieren und Fleischprodukten sicherzustellen.
Anja Vogt, Referentin der Stabsstelle Landwirtschaft des Familienunternehmens, stellte unter dem Titel „Tiergesundheit neu gedacht“ das Tönnies-Maßnahmenpaket zur Förderung der Tiergesundheit vor. Im Mittelpunkt ihres Vortrags stand die systematische Auswertung von Befunddaten aus der Schlachtung, welche wertvolle Hinweise auf die Gesundheitssituation der Tiere liefern und damit eine wichtige Grundlage für Verbesserungen im Stallmanagement darstellen. Insbesondere Atemwegs-, Organ-, Darm- und Gelenkbefunde hätten direkte Auswirkungen auf Tierwohl, Schlachtprozesse und Wirtschaftlichkeit.
Ein zentrales Element des Maßnahmenpakets ist der eingeführte Gesundheitsbonus. Betriebe, die gesunde Tiere mit geringen oder keinen relevanten Befunden liefern, erhalten finanzielle Zuschläge. Gleichzeitig werden bei bestimmten gesundheitlichen Auffälligkeiten Abschläge erhoben. Ziel des Systems sei es, gezielt Anreize für eine bessere Tiergesundheit und höhere Tierwohlstandards zu schaffen.
Besondere Aufmerksamkeit widmete Anja Vogt außerdem dem Thema Ringelschwanz. Dieser gelte als wichtiger Indikator für das Wohlbefinden der Tiere und habe eine hohe Signalwirkung für Tiergesundheit. Für Tiere mit intaktem Ringelschwanz erhalten Landwirte einen zusätzlichen Bonus von 10 Euro pro Tier. Ziel des Maßnahmenpakets sei es, Tiergesundheit und Tierwohl nachhaltig zu stärken, gezielt in ein anspruchsvolleres und tiergerechteres Management zu investierenden und damit die heimischen Betrieben zu fördern.
Die Veranstaltung bot neben fachlichen Impulsen Raum für eine ausführliche Diskussionsrunde zu Fragen der Erzeuger. Den Abschluss bildete ein gemeinsames Mittagessen sowie das Angebot einer Betriebsbesichtigung, um den Teilnehmern direkte Einblicke in die Prozessabläufe vor Ort zu ermöglichen.