Neuer Kurs in Brüssel: Die EU bekennt sich zur Nutztierhaltung

Lange Zeit hatten viele Tierhalter in Deutschland den Eindruck, dass die politische Debatte in Brüssel vor allem von Verzicht, Reduktionszielen und neuen Auflagen geprägt war. Mit der nun vorgestellten EU-Nutztierstrategie von Agrarkommissar Christophe Hansen sendet die Europäische Kommission erstmals wieder ein deutlich anderes Signal: Die Tierhaltung wird als strategisch wichtiger Bestandteil der europäischen Landwirtschaft und der Versorgungssicherheit betrachtet. Die Europäische Kommission spricht ausdrücklich von einer „resilienten, wettbewerbsfähigen und nachhaltigen Nutztierhaltung“ und erkennt die zentrale Bedeutung des Sektors für ländliche Räume, Arbeitsplätze und die Lebensmittelversorgung an.

Die neue Strategie benennt einen Punkt, den viele Praktiker seit Jahren ansprechen: Nachhaltigkeit funktioniert langfristig nur dann, wenn Betriebe wirtschaftlich erfolgreich arbeiten können. Die EU-Kommission spricht deshalb von Innovationen, Effizienzsteigerungen und der Verbesserung der Profitabilität landwirtschaftlicher Betriebe. Gleichzeitig sollen Forschung, Digitalisierung und moderne Technologien stärker genutzt werden, um Produktivität und Ressourceneffizienz zu erhöhen.

Dabei geht es ausdrücklich nicht darum, Nachhaltigkeit oder Tierwohl auszublenden. Neu ist jedoch die Gewichtung. Die Diskussion beginnt nicht mehr mit der Frage, wie Tierhaltung reduziert werden kann, sondern wie sie wirtschaftlich tragfähig und zukunftsfähig bleibt. Gerade für viele Familienbetriebe dürfte das eine wichtige Botschaft sein.

Denn: Die vergangenen Jahre haben gezeigt, wie fragil globale Lieferketten sein können. Pandemie, Tierseuchen, geopolitische Konflikte und steigende Rohstoffpreise haben deutlich gemacht, dass eine stabile Nahrungsmittelproduktion keine Selbstverständlichkeit ist. Vor diesem Hintergrund überrascht es nicht, dass die EU-Kommission die Rolle der Nutztierhaltung für die Versorgungssicherheit wieder deutlich hervorhebt. Für die Landwirtschaft in Deutschland ist das zunächst vor allem eines: eine Chance. Eine Chance auf mehr politische Planungssicherheit. Eine Chance auf fairere Wettbewerbsbedingungen innerhalb Europas. Und eine Chance darauf, dass die erheblichen Investitionen deutscher Tierhalter in Tierwohl, Tiergesundheit und Nachhaltigkeit künftig zum großen Standortvorteil werden.

Trotz der grundsätzlich positiven Ausrichtung wäre es jedoch zu früh für Euphorie. Auch die neue Nutztierstrategie verbindet Wettbewerbsfähigkeit weiterhin mit Nachhaltigkeits- und Tierwohlzielen. Die Erwartungen an den Sektor werden also nicht verschwinden. Zudem bleibt abzuwarten, welche konkreten Rechtsvorschriften und Programme aus der Strategie hervorgehen werden. Gerade deutsche Tierhalter dürften genau beobachten, ob die angekündigten Maßnahmen tatsächlich zu einer stärkeren Harmonisierung innerhalb Europas führen. Entscheidend wird sein, dass neue Vorgaben nicht erneut überwiegend diejenigen treffen, die bereits hohe Standards erfüllen. Nur wenn vergleichbare Wettbewerbsbedingungen geschaffen werden, kann der angekündigte Kurswechsel seine Wirkung entfalten.

Die grundsätzliche Positionierung der EU-Kommission entspricht jedoch der grundsätzlichen Positionierung des Europäischen Fleischnetzwerkes (EMN), einem Zusammenschluss der zehn größten Fleischverarbeitungsunternehmen in Europa. Auch Tönnies ist hier unter anderem im Vorstand vertreten und in Brüssel aktiv. „Wir werden dafür arbeiten, dass bei dem angekündigten Kurswechsel gleichwertige Wettbewerbsbedingungen nicht aus dem Blickwinkel geraten“, sagt Thomas Dosch im EMN.